Gesund und Fit mit DOSB und SportPraxis - Wandern auf vier Beinen
"Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten! Bleibt in euren Hütten, euren Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne." (Goethe)
Wandern ist für uns heutzutage purer "Luxus": Zeit in der Natur verbringen, aus freien Stücken selbst gewählte Routen erwandern, Mittel zur Entspannung und Fitnesserwerb, neue Landschaften kennenlernen, je nach Vorliebe Geselligkeit oder Einsamkeit genießen. Wandern ist ein regelrechter Freizeittrend geworden.
In früheren Zeiten jedoch war zu Fuß gehen reines Mittel zum Zweck, um Entfernungen zu bewältigen und Ziele zu erreichen. Damals war ein Glückspilz, wer Pferde hatte und die Strecken auf den Vierbeinern überwinden konnte: Dies sparte nicht nur Zeit, sondern auch Kraft und ermöglichte, Lasten zu transportieren. Heute hingegen wissen wir zwar die Langsamkeit des Zufußgehens zu schätzen, aber nichtsdestotrotz ist es für Wanderreiter immer noch das "Glück dieser Erde", die Natur auf dem Rücken der Pferde zu erkunden. Mit dem Pferd durch unberührte Gegenden zu reiten ist ein Erlebnis der ganz besonderen Art und bleibt für viele Menschen eine einmalige Erfahrung.
Was ist Wanderreiten?
Wanderreiten gilt als die älteste Form der Nutzung des Pferdes durch den Menschen. Aber was ist daran so anders, als wenn man einen normalen Ausritt macht? Von Wanderreiten spricht man eigentlich erst, wenn längere Strecken zurückgelegt werden, die mehrere Stunden, ganze Tage oder sogar mehrere Tage und Wochen dauern. Ist man über Nacht unterwegs, wird das erforderliche Gepäck wie Proviant, Kleidung oder auch ein Zelt auf dem Pferd in Satteltaschen vor und hinter dem Sattel verstaut oder auf einem mitgeführten Packpferd transportiert. Insofern ist schlüssig, dass diese Form des Reitens besondere Anforderungen an den Vier- und auch den Zweibeiner stellt:
Die Pferde müssen im höchsten Maße ausdauernd, gehorsam sowie sicher und gelassen im Gelände und Straßenverkehr sein. Sie sind mit Anforderungen konfrontiert, die viele ausschließlich an Stall und Halle gewöhnte Pferde nicht mehr kennen: Verkehrslärm, Rehe, die aus dem Dickicht springen, Hinternisse wie Bäche, Baumstämme, Sträucher, Geröll, die es zu überwinden, ja teilweise zu überklettern gilt. Dies bedeutet, dass die Pferde diesbezüglich gut ausgebildet sein müssen. Gut ausgebildete und erfahrene Wanderreitpferde bewegen sich im Gelände wie "kleine Bergziegen" und bewältigen schwierigste Untergründe wie beispielsweise Felsen oder Steigungen.
Der Reiter muss eine gute reiterliche Basisausbildung haben und ebenso wie das Pferd über eine gute Ausdauer verfügen. Dies gilt ganz besonders für die lokale Muskelausdauer, denn einige Muskelgruppen wie z.B. die Adduktoren sind beim Wanderreiten sehr gefordert. Zudem sollte er über einige Techniken verfügen, die das Pferd im Gelände bei seiner Arbeit unterstützt. Beispielsweise kann man durch den leichten Sitz das Pferd im Galopp entlasten. Verlagert man bei extremen Steigungen den Oberkörper nach vorn, wird hierdurch das Pferd unterstützt. Beim Bergabreiten kann das Pferd ebenfalls unterstützt werden, imdem man mit dem Oberkörper leicht in die Rücklage geht. Diese Techniken und das Gefühl für Ausprägung dieser Techniken muss der Reiter erlernen. Dies ist wichtig, da der Reiter durch sein Gewicht und Größe den Schwerpunkt des Teams Pferd+Reiter verändert, was es dem Pferd erschwert ausbalanciert solche natürlichen Hindernisse zu überwinden. Der Oberkörper des Reiters wirkt dann wie eine Art Balancierstange, was hohe koordinative Fähigkeiten des Reiters verlangt. Außerdem sollte der Wanderreiter gut zu Fuß sein, denn unter Wanderreitern gilt die Regel, dass immer ein Teil der Strecke gelaufen und das Pferd an der Hand geführt wird.
Neben den reitpraktischen Kenntnissen und Erfahrungen, die der Wanderreiter mitbringen sollte, muss er auch theoretische Kenntnisse haben, bevor er "auf Tour" geht. Beispielsweise muss man wissen, welche Ausrüstung die Pferde benötigen, wie man sein Pferd auf solchen Touren optimal versorgt und ernährt, wie man sich im Straßenverkehr verhält oder aber, was man den Pferden an Belastungen zumuten kann.
Für Reiterinnen und Reiter, die das Wanderreiten für sich entdeckt haben und diese Kenntnisse vertiefen möchten, bietet die Deutsche Reiterliche Vereinigung spezielle Ausbildungen an, wie beispielsweise das deutsche Wanderreitabzeichen.
Fernreitwege und Reitstationen in Deutschland
Wenngleich der Reitsport sich großer Beliebtheit in Deutschland erfreut, ist die Gemeinde der Wanderreiter recht klein und es ist relativ wenig bekannt, das Deutschland über eine gute Infrastruktur für Wanderritte verfügt und es somit gute Möglichkeiten gibt, verschiedene Landstriche, Regionen und Sehenswürdigkeiten auf dem Pferderücken zu erkunden.
In der Broschüre "Zu Pferd ... natürlich! - Fernreitwege und Reitstationen in Deutschland" von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung wurden einige bekannte Angebote für Reitwegekarten, Reitatlanten und Quartierverzeichnisse mit den dazu gehörigen Bestelladressen zusammengetragen. Neben vielen Tipps zum Thema Wanderreiten finden sich in der Broschüre auch die gesetzlichen Regelungen für das Reiten in Feld und Wald.
Auf der Internetseite www.reiten.de/wanderreiten/wanderreiten.html findet man Wanderreitbetriebe nach PLZ sortiert.
Viele Reitstationen bieten nicht nur Unterkunft, sondern auch die Möglichkeit für geführte Wanderritte unterschiedlicher Länge, sowohl für Reitanfänger als auch fortgeschrittene Reiter. In dem Fall braucht man auch kein eigenes Pferd mitzubringen, sondern kann auf geeignete, erfahrene und an das jeweilige Gelände gewöhnte Pferde zurückgreifen. Reitet man auf eigene Faust, sollte man seine Route zuvor genau ausarbeiten und sich über die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen für das Reiten und Fahren in den einzelnen Bundesländern informieren.
Die Reiterliche Vereinigung gibt außerdem detaillierte Fernreitrouten heraus, die wie Wanderführer den Reiter auf der Tour begleiten, den Weg weisen und über Übernachtungsmöglichkeiten informieren. Ausgewiesen sind zum Beispiel die Strecken "Von der Ostsee bis nach Frankreich" über 1124 km oder "Vom Emsland bis an die Neiße" über 795 km. Kartenmaterial und weitere Routen sind oftmals auch über die Touristeninformationen der entsprechenden Region zu beziehen.
Weitere Informationen:
Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V.
Freiherr-von-Langen-Straße 13
48231 Warendorf
Telefon: 02581 / 6362-0
Fax: 02581 / 62144
www.pferd-aktuell.de
Dieser Artiekl erscheint auch in der Zeitschrift SportPraxis 11+12/2009 www.sportpraxis.com







