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Interview mit Psychoonkologin Kirsten Sahling

Wer an Krebs erkrankt, ist nicht nur mit einer großen Herausforderung an seinen Körper konfrontiert. Krebs bedeutet für die allermeisten Betroffenen eine ganz besondere psychische Situation. Die seelischen Komponenten sind Gegenstand der Psychoonkologie, einer Kombination aus Psychologie und Onkologie. Psychoonkologen kümmern sich ausschließlich um Krebspatienten und ihre Angehörigen und stellen sich der Frage, wie man einzelne Patienten individuell unterstützen kann. Die Auswirkungen schildert die Psychoonkologin und Dipl.-Psychologin Kirsten Sahling, 38, die seit 2001 am Campus Benjamin Franklin der Charité in Berlin mit Krebspatientinnen arbeitet.

Frau Sahling, ein Mensch erhält die Diagnose Krebs. Welche Gefühle ruft das im Allgemeinen hervor?
„Obwohl das natürlich ganz unterschiedlich ist, gibt es Bilder, die fast jeder sofort mit der Diagnose „Krebs“ assoziiert. Bilder von Leiden, Sterben, vom Abschied nehmen und vom Tod. Entsprechend emotional reagieren viele Patienten darauf. Sie sind sehr unruhig, haben Angst, geradezu Panik und fühlen sich, als entzöge man ihnen den Boden unter den Füßen.

Aber nicht alle Patienten nehmen ihre Gefühle derart bewusst wahr. Bei manchen scheinen sich die Emotionen auszuschalten, sie erleiden einen Schock – wir sprechen auch von einem so genannten Diagnose-Schock. Die Menschen verfallen in eine Starre, fühlen sich wie in Watte oder wie in einem falschen Film, wie in einem Albtraum, aus dem sie nur zu erwachen brauchen. Oft können diese Patienten dann Informationen über ihre Krankheit, die Therapie und den möglichen Verlauf gar nicht richtig wahr- und aufnehmen. Wir verstehen diese Reaktion als eine hilfreiche Abwehr der Bedrohung und einen wichtigen Schutzmechanismus des Körpers.
Allgemein erleben die Patienten oft ein regelrechtes Gefühlschaos. Da gibt es Angst, Wut, Enttäuschung, Trauer, Scham, Schuldgefühle.“

Was ist Ihre Aufgabe in dieser Situation?
„Viele Menschen trifft die Diagnose aus heiterem Himmel. Meine Aufgabe ist dann in erster Linie das, was man in der Fachsprache Krisenintervention nennt. Das bedeutet im Wesentlichen, dass ich in Gesprächen versuche, den emotionalen Fall in die Tiefe zu stoppen und Halt zu geben. Es ist wichtig, dass der Patient spürt, es gibt da noch jemanden, der einfach da ist, ihm zuhört und ihm hilft, zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken zu sortieren. Ich versuche, dem Patienten eine Orientierung zu geben und aufzuzeigen, welche Schritte als nächstes möglich und wichtig sind.

Im Verlauf einer Therapie sind dann unterstützende Gespräche zur Stabilisierung des Patienten wichtig. Sie orientieren sich immer an den Bedürfnissen des Patienten. Bei Bedarf vermittle ich auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Psychotherapeuten und Krebsberatungsstellen, an die sich der Patient wenden kann, wenn er das Krankenhaus verlässt. Im Krankenhaus bieten wir neben Gesprächen auch angeleitete Entspannung, kreatives Malen und Informationsveranstaltungen an.

Können Ängste und Sorgen, Stress oder psychische Probleme Krebs auslösen oder zumindest begünstigen?
„Das kann man nicht eindeutig beantworten. Es sind viele verschiedene Faktoren, die zusammen eine Krebserkrankung auslösen können – aber nicht müssen.
Früher hat man vermutet, dass es eine so genannte Krebspersönlichkeit gibt, also eine bestimmte psychische Disposition bei Menschen, die die Entstehung von Krebs fördert. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft muss man sich jedoch von dieser Vorstellung verabschieden. Einige der Patienten, die zu mir kommen, stellen eine Verbindung zwischen dem Krebs und einem einschneidenden Erlebnis her, z. B. den Verlust eines geliebten Menschen einige Zeit vor der Erkrankung. Es gibt jedoch keine Studien, die belegen, dass derartige Lebensereignisse für den Krebs verantwortlich sind.“
    
Wie sollte ich versuchen, mein Seelenleben zu gestalten, um mich vor Krebs zu schützen?
„Leider gibt es keine Garantie dafür, dass man gesund bleibt. Aber vielleicht sind wir auf einem guten Weg, wenn wir immer wieder versuchen, unser allgemeines Wohlbefinden zu fördern. Bei allen Anforderungen des Alltags immer wieder zu versuchen, unser inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Uns Zeit für uns selbst zu nehmen, uns selbst wert zu schätzen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen nachzukommen. Was brauche ich?  Welche Freiräume möchte ich mir schaffen?
Sport und Bewegung zum Beispiel können so ein Freiraum sein. Wer regelmäßig trainiert oder sich bewegt, setzt damit auch ein Zeichen: „Mein Körper und mein körperliches Befinden sind mir wichtig.“ So kann Sport auch einen Teil dazu beitragen, dass ich wieder ins Gleichgewicht komme. Gerade für Krebspatienten ist es bedeutsam, auch wieder einen positiven Zugang zu ihrem Körper zu erlangen, ihn nicht nur mit der Erkrankung zu verbinden.“

Hilft Sport den Krebspatienten, der Angst davonzulaufen?
„Davonlaufen kann man der Angst durch das Training nicht. Aber Sport kann ein Gegengewicht zu den Ängsten bilden. Regelmäßige Bewegung kann helfen, dem Gefühl des Ausgeliefertseins etwas entgegen zu setzen. Indem man aktiv etwas für sich tut, gewinnt man das Gefühl der Kontrolle zurück, kann Einfluss nehmen.
Zudem stärkt ein regelmäßiges Training den Körper. Sich sportlich zu fordern ohne sich dabei zu überfordern hat positive Auswirkungen auf Körper und Psyche: Ich erlebe mich aktiver und merke, dass ich noch etwas kann, ich schaffe etwas, zwar in einem Rahmen und in Grenzen, die ich anerkennen muss, aber ich habe nach und nach Erfolge. Unsere Sprache beschreibt das sehr treffend: Ich komme wieder auf die Beine, fasse Fuß, mache Fortschritte und spüre allmählich  wieder festen Boden: Ich habe Krebs - und ich schaffe das trotzdem.“

Wie sollte man trainieren?

„Sport sollte vor allem Spaß machen. Man sollte eine Sport- bzw. Bewegungsart wählen, die einem angenehm ist. Es gilt, sich erreichbare Ziele zu setzen, sich nicht zu überfordern und immer im „Wohlfühlbereich“ bleiben. Vielen macht es mehr Freude, gemeinsam mit anderen Sport zu treiben. So ist auch ein Austausch untereinander möglich, und man kann sich gegenseitig motivieren: sich gemeinsam über Erfolge freuen oder sich bei Rückschritten aufbauen. Gerade für Krebspatienten ist das wichtig. Das Gemeinschaftsgefühl vermittelt: Ich bin nicht allein, auch andere haben Krebs und die lassen sich auch nicht von der Krankheit vereinnahmen und unterkriegen. Es ist eine Bestätigung: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Wenn man sich z. B. mit anderen in der Natur bewegt, spürt man die Sonne, die Temperatur, hört die Vögel singen und sieht die Eichhörnchen flitzen, während einem der Wind ins Gesicht pustet. Kleine Dinge wie diese ermöglichen ein intensives Erleben. Man fühlt, man ist Teil des Ganzen. All das kann eine heilsame Wirkung haben, denn es trägt zur Lebensfreude bei.“

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Erfahrungsbericht einer Krebspatientin - Interview mit Brigitte Mieczynski

 

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